Süßstoffe und Gehirn: Studie mit 12.772 Erwachsenen zeigt schnelleren Abbau
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 14:46 Uhr | Redaktion boerse-global.deZuckerfreie Alternativen und künstliche Süßungsmittel stehen regelmäßig im Fokus wissenschaftlicher und toxikologischer Überprüfungen. Eine aktuelle Neubewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), über die das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einer Mitteilung informiert, hat das sogenannte Aspartam-Acesulfamsalz (E 962) sowie dessen einzelne Komponenten erneut detailliert analysiert.
Die behördliche Einordnung fällt dabei differenziert aus und trifft auf eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen zu Stoffwechsel, Darmflora und kognitiver Gesundheit.
Risikobewertung durch EFSA und Bundesinstitut für Risikobewertung
Nach der toxikologischen Prüfung durch die EFSA bekräftigte das BfR die geltenden Werte für die akzeptable tägliche Aufnahmemenge (ADI). Für Aspartam (E 951) gilt der bereits seit 2013 bestehende Richtwert von 40 mg/kg Körpergewicht/Tag fort.
Für Acesulfam K (E 950) war der entsprechende ADI-Wert im Jahr 2025 auf 15 mg/kg Körpergewicht/Tag abgeleitet worden. Bei Einhaltung dieser Grenzwerte seien laut BfR keine gesundheitlichen Risiken zu erwarten. Behördliche Experten betonen, dass keine Studie den Verdacht auf ein Krebsrisiko belege und robuste Tierstudien keine krebserregende Wirkung zeigten.
Technologisch zeichnen sich die Verbindungen durch eine erhebliche Süßkraft aus: Aspartam und Acesulfam K übertreffen Haushaltszucker um etwa das 200-Fache, während das Salz E 962 rund die 350-fache Süßkraft besitzt. Eine gesundheitliche Ausnahme gilt für Personen mit der angeborenen Stoffwechselstörung Phenylketonurie, die Aspartam meiden müssen, weshalb Produkte mit dem Hinweis auf eine Phenylalaninquelle gekennzeichnet werden müssen.
Labor- und Beobachtungsstudien zu Mikrobiom und Kognition
Parallel zu behördlichen Risikobewertungen untersuchen Forschungsgruppen potenzielle Nebenwirkungen auf zellulärer Ebene und im Langzeitverzehr. Eine Laborstudie der Universität Cambridge analysierte 39 Süßstoffe im Kontakt mit 25 Darmbakterienarten.
Bei etwa drei Vierteln der untersuchten Stoffe veränderte sich das Wachstum mindestens einer Bakterienart. In Kombination mit Koffein, weiteren Zusatzstoffen und acht Medikamenten traten über 100 Wechselwirkungen auf, von denen 34 eine Verstärkung und 68 eine Abschwächung bewirkten.
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So hemmte etwa Isosteviol in Verbindung mit dem Antidepressivum Duloxetin die Bakterienarten Roseburia intestinalis und Parabacteroides merdae stark, was die Vielfalt der Bakteriengemeinschaft schmälerte. Die Forschenden schränkten jedoch ein, dass es sich um reine Laborexperimente ohne Daten am lebenden Menschen handelt.
Eine im Fachjournal Neurology publizierte Beobachtungsstudie der Universität São Paulo begleitete 12.772 Erwachsene über rund acht Jahre. Bei Probanden mit dem höchsten Konsum an Süßstoffen wie Aspartam, Saccharin, Acesulfam-K oder Sorbitol zeigte sich ein schnellerer Rückgang von Denk- und Gedächtnisleistungen, insbesondere in der Altersgruppe unter 60 Jahren.
Studienleiterin Claudia Kimie Suemoto wies darauf hin, dass die vermeintlich gesunden Zuckeralternativen langfristig nachteilige Effekte auf das Gehirn haben könnten. Fachmediziner der Spanischen Neurologischen Gesellschaft mahnen jedoch zu Zurückhaltung: Die Schlüsse seien vorläufig, da Ernährungserhebungen auf Selbsteinschätzungen beruhen und klare Missbrauchsgrenzen unklar blieben.
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Erkenntnisse zu Appetitregulierung und Gewichtskontrolle
Hinsichtlich der praktischen Wirkung auf das Körpergewicht liefert eine in Nutrients veröffentlichte Analyse dreier klinischer Studien (SWEET, SWITCH und Sweet Tooth) mit Hunderten Erwachsenen Entwarnung bezüglich Heißhungerattacken.
Demnach führten künstliche Süßstoffe über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr weder zu vermehrtem Appetit noch zu gesteigertem Verlangen nach Süßem. In der SWEET-Studie hielten 341 teilnehmende Erwachsene in der Süßstoffgruppe nach einem Jahr 1,6 kg mehr Gewichtsabnahme, während Nüchternblutzucker, Insulin und HbA1c keine signifikanten Unterschiede aufwiesen.
Gleichwohl warnen Mediziner vor einem unbedachten Dauerkonsum. Fachärzte weisen darauf hin, dass kalorienfreie Produkte das Sättigungsgefühl beeinträchtigen und zu Mehrverzehr verleiten können.
Zudem rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit 2023 davon ab, Süßstoffe als langfristige Strategie zur Gewichtskontrolle einzusetzen. Ernährungsexperten empfehlen daher vor allem, die Gewöhnung an den süßen Geschmack insgesamt schrittweise zu reduzieren.
