Verschreibungskaskaden, Studie

Verschreibungskaskaden: Studie findet 24 riskante Medikamentenfolgen bei Senioren

Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 17:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Analyse von 2,3 Millionen Menschen identifiziert 24 potenziell schädliche Verordnungsketten und empfiehlt regelmäßige Medikationsprüfungen.
Leere medizinische Glasfläschchen auf einem sterilen, weißen Untergrund in einem hellen Behandlungsraum. Illustration mit AI erstellt.

Eine im medizinischen Fachjournal „BMJ“ veröffentlichte Untersuchung unter Leitung von Professorin Paula Rochon aus dem kanadischen Ontario deckt erhebliche Risiken durch sogenannte Verschreibungskaskaden bei älteren Menschen auf.

Auf der Grundlage von Daten von 2,3 Millionen kanadischen Bürgern im Alter ab 66 Jahren untersuchten die Wissenschaftler 65 potenzielle Sequenzen. Dabei identifizierten sie 24 Kaskaden, die für ältere Patienten potenziell schädlich sind.

Fehlinterpretierte Nebenwirkungen als Auslöser

Zu einer solchen Verschreibungskaskade kommt es, wenn die unerwünschte Wirkung eines verabreichten Medikaments fälschlicherweise als eigenständige, neu aufgetretene Erkrankung interpretiert wird.

Anstatt die ursprüngliche Medikation anzupassen oder abzusetzen, verordnen Mediziner in der Folge ein weiteres Präparat, um die Nebenwirkung zu behandeln. Ein typisches Muster entsteht beispielsweise, wenn ein blutdrucksenkendes Mittel Schwindelgefühle hervorruft und daraufhin ein Medikament gegen Gleichgewichtsstörungen verschrieben wird.

Den Ergebnissen der im Fachjournal vorgestellten Untersuchung zufolge traten bestimmte Abfolgen besonders häufig auf. An erster Stelle stand die Verordnung eines Abführmittels nach der Einnahme von Eisenpräparaten, was bei 11,9 Prozent der Personen innerhalb eines Jahres nach Beginn der Therapie der Fall war. Bei 10,9 Prozent folgte auf die Gabe von Statinen der Beginn einer Therapie mit Schmerzmitteln.

Die Forscher dokumentierten darüber hinaus weitere Kombinationen:
- Kalziumkanalblocker führen über die Bildung von Ödemen zur Verschreibung von Diuretika.
- SGLT2-Hemmer begünstigen Genitalinfektionen und ziehen Antimykotika nach sich.
- Alzheimer-Medikamente führen zum Einsatz von Schlafmitteln.
- Cholinesterasehemmer bedingen die Verordnung von Antiemetika.
- Kortikosteroide lösen Folgebehandlungen mit Antipsychotika aus.
- Abführmittel führen zu einer nachgelagerten Behandlung mit Antidiarrhoika.

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Frauen mit Mehrfacherkrankungen besonders gefährdet

Wie Rochon hervorhob, bleiben derartige Sequenzen im medizinischen Alltag häufig unentdeckt. Als besonders gefährdet gelten ältere Frauen mit mehreren chronischen Erkrankungen. Für ältere Erwachsene, die ohnehin einer Mehrfachmedikation unterliegen, bergen die Kaskaden erhebliche Gefahren: Sie verkomplizieren die Behandlungspläne und erhöhen das Risiko für Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Wirkstoffen.

Fachleute weisen darauf hin, dass prinzipiell jedes Arzneimittel Nebenwirkungen hervorrufen kann und neue körperliche Beschwerden bei Senioren nicht vorschnell als altersbedingte Veränderung abgetan werden dürfen. Insbesondere wenn Behandlungen parallel von mehreren Fachärzten koordiniert werden, steige das Risiko unbemerkt überlappender Verordnungen.

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Forderung nach Prüfungen und Apothekerbeteiligung

Um die Risiken durch Fehlverordnungen einzudämmen, empfiehlt das Autorenteam der Studie strukturierte Maßnahmen. Dazu zählen umfassende, regelmäßige Medikationsprüfungen und systematische Überprüfungen der Verordnungsdaten. Zudem sprechen sich die Forscher für automatisierte Warnsysteme in der klinischen Praxis sowie für eine stärkere Einbindung von Apothekern in den Betreuungsprozess aus.

Zudem fordern Experten eine offenere Kommunikation zwischen Behandelnden und Patienten sowie standardisierte Protokolle beim sogenannten Deprescribing, dem schrittweisen und ärztlich überwachten Absetzen unnötiger Präparate. Auch die pharmazeutische Industrie müsse ihre Forschung zu unerwünschten Wirkungen intensivieren, um problematische Verordnungsketten frühzeitig zu unterbinden.

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