BestÀnde, Fische

ÜberschĂ€tzte BestĂ€nde: Fische noch bedrohter als angenommen

23.08.2024 - 08:20:33

Weltweit sind viele FischbestĂ€nde durch Überfischung bedroht oder bereits zusammengebrochen. Eine Studie zeigt nun: Schon die empfohlenen Fangmengen waren zu hoch angesetzt.

Viele FischbestĂ€nde weltweit sind durch Überfischung bedroht oder bereits zusammengebrochen. Das liegt einer Studie zufolge nicht nur daran, dass wissenschaftlich errechnete Höchstfangmengen nicht eingehalten wurden. Vielmehr seien bereits diese Empfehlungen zu hoch angesetzt, berichten Forschende im Fachmagazin «Science». Die GrĂ¶ĂŸe von BestĂ€nden und die Dynamik ihrer Erholung seien bisher viel zu optimistisch eingeschĂ€tzt worden.

Fischerei-Modelle liefern die Basis zur Regulierung der globalen und regionalen Fischerei und gelten als ein wichtiges Werkzeug gegen Überfischung. Als Hauptursache dieser Überfischung galt bislang, dass die Fischereipolitik Fangmengen höher festlegte, als auf Basis der Modelle empfohlen wurde. 

Deutliche ÜberschĂ€tzungen

Ein Team um Graham Edgar von der University of Tasmania (Australien) untersuchte nun Daten von 230 FischgrĂŒnden weltweit und glich die Werte mit denen aus Modellen ab. Demnach wurde bei den Empfehlungen vielfach deutlich ĂŒberschĂ€tzt, wie viele Fische einer Art es noch gibt und wie schnell sich ein Bestand erholen kann. Besonders bei bereits ĂŒberfischten Populationen sei die Abweichung der genutzten Modelle gravierend.

Aber auch als erholt eingestufte BestĂ€nde schrumpften der Analyse zufolge in Wirklichkeit oft weiter. «Das fĂŒhrte dazu, dass Fangmengen nicht ausreichend reduziert wurden, obwohl es dringend notwendig gewesen wĂ€re», erklĂ€rte Rainer Froese vom Geomar Helmholtz-Zentrum fĂŒr Ozeanforschung in Kiel, Mitautor eines Kommentars zu der im Fachblatt «Science» veröffentlichten Studie. 

Das Problem betreffe keineswegs nur die Vergangenheit. «Die bekannten ÜberschĂ€tzungen der BestandsgrĂ¶ĂŸen aus den letzten Jahren werden auch jetzt nicht zur Korrektur der aktuellen BestandsgrĂ¶ĂŸen herangezogen», so Froese.

Überfischt statt nachhaltig befischt

Der Studie zufolge sind fast ein Drittel jener BestĂ€nde, die von der WelternĂ€hrungsorganisation (FAO) als «maximal nachhaltig befischt» eingestuft werden, in Wirklichkeit ĂŒberfischt. Als nachhaltig gilt Fischerei, wenn nicht mehr Fisch entnommen wird als nachwĂ€chst. 

Zudem seien weitaus mehr BestĂ€nde als angenommen schon zusammengebrochen, heißt es weiter: 85 Prozent mehr Populationen als bisher geschĂ€tzt seien kollabiert, also auf unter 10 Prozent ihres historischen Maximums geschrumpft.

Froese und sein Mitautor Daniel Pauly von der University of British Columbia (Kanada) erlĂ€utern in ihrem Kommentar, dass die Modelle teils mehr als 40 Parameter verwenden. Dazu zĂ€hlen demnach Merkmale zur Lebensweise der Art, Fangdetails und der jeweils nötige Fischereiaufwand. Diese Vielzahl von Variablen mache die AbschĂ€tzungen unnötig komplex, so Froese und Pauly. Zudem griffen Modellierer bei einigen Parametern auf kaum belastbare Werte zurĂŒck.

Hochkomplexe Modelle

«Warum die zum Teil sehr unwahrscheinlichen Vorhersagen der offiziellen Modelle akzeptiert wurden und werden, ist die große Frage», so Froese. Die Fischereiwissenschaft habe die Politik jahrelang falsch beraten und trage damit einen Teil der Verantwortung fĂŒr die ĂŒberfischten und zusammengebrochenen BestĂ€nde, auch in Europa.

Â«Ăœberfischung ist besonders im Mittelmeer, in Westafrika und in SĂŒdasien ein Problem», erlĂ€uterte Boris Worm von der Dalhousie University (Kanada), der nicht an der Studie beteiligt war. Weltweit seien viele kĂŒstennahe Fischereien schon lange zusammengebrochen und wĂŒrden gar nicht mehr erfasst. Die aktuelle Studie sei eine Warnung, «dass etliche BestĂ€nde, die noch als gut bewirtschaftet gelten – zum Beispiel auch in Europa – in Wirklichkeit schlechter dastehen könnten als gedacht».

Ostsee-Beispiel: der Dorsch

Das PhĂ€nomen sei zum Beispiel fĂŒr den Dorsch der westlichen Ostsee gezeigt, erklĂ€rte Christian Möllmann von der UniversitĂ€t Hamburg. «Die oft zu positive SchĂ€tzung der Biomasse hat meiner EinschĂ€tzung nach auch zur Überfischung des Bestandes beigetragen.»

Eine Überarbeitung der Bewertungsverfahren sei nötig - hin zu einfacheren, realistischeren Modellen, lautet die Schlussfolgerung von Froese und Pauly. Zudem solle stĂ€rker das Vorsorgeprinzip gelten - bei Unsicherheiten sollten eher konservative SchĂ€tzungen verwendet werden.

Möllmann wiederum sieht die GĂŒte der Modelle nicht als entscheidend an. «Wichtiger ist meiner EinschĂ€tzung nach der Wille der Fischereiindustrie, nicht jeden Fisch aus dem Meer zu ziehen.» Der Wille und das Einsehen, umsichtig und zurĂŒckhaltend zu fischen, sei oft nicht erkennbar. 

Das sei deutlich an der Ostsee zu sehen, wo alle einst wichtigen Dorsch- und HeringsbestĂ€nde trotz jahrelanger Warnung von Wissenschaftlern und UmweltschutzverbĂ€nden so ĂŒberfischt wurden, dass eine Erholung weitgehend unsicher oder sogar unwahrscheinlich sei.

@ dpa.de