ROUNDUP, Trumps

Trumps neue Sicherheitsstrategie sieht EU als Risiko

05.12.2025 - 19:40:59

(Neuer letzter Absatz; Tippfehler im 6. und 13.

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WASHINGTON/BRÜSSEL (dpa-AFX) - Mit einer neuen nationalen Sicherheitsstrategie brandmarkt US-PrĂ€sident Donald Trump die aktuelle politische Landschaft in der EU als Bedrohung fĂŒr amerikanische Interessen. Konkret werden in dem 33-seitigen Dokument angebliche Demokratiedefizite und EinschrĂ€nkungen der Meinungsfreiheit kritisiert. Über Migration heißt es, der wirtschaftliche Niedergang Europas werde von der Gefahr einer "zivilisatorischen Auslöschung" ĂŒberlagert. Auch Deutschland wird namentlich erwĂ€hnt und kritisiert.

Die nationale Sicherheitsstrategie ist ein zentrales Dokument, in dem die USA ihre außen- und sicherheitspolitischen Leitlinien festlegen. FrĂŒhere Strategien hĂ€tten die nationalen Kerninteressen der USA nicht berĂŒcksichtigt und die Verteidigung anderer LĂ€nder auf die Schultern der US-Bevölkerung abgeladen, lĂ€sst Trump erklĂ€ren. Die Zeiten, in denen die Vereinigten Staaten "wie Atlas die gesamte Weltordnung gestĂŒtzt" hĂ€tten, seien vorbei. Es gelte "America First" - die USA zuerst.

Deutsche AbhÀngigkeiten im Visier

AuffĂ€llig scharf fĂ€llt die Kritik an europĂ€ischen Regierungen im Umgang mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine aus. Deutschland wird dabei explizit als Beispiel wachsender AbhĂ€ngigkeiten genannt: Der Ukraine-Krieg habe den Effekt gehabt, Europas - und "insbesondere Deutschlands" - externe AbhĂ€ngigkeiten zu vergrĂ¶ĂŸern. Deutsche Chemiekonzerne bauten riesige Anlagen in China und nutzten dort russisches Gas, das sie zu Hause nicht mehr bekĂ€men.

EuropĂ€ischen Politikern wirft die Trump-Regierung "unrealistische Erwartungen" und eine politische Blockadehaltung im Ringen um Frieden mit Moskau vor. In mehreren LĂ€ndern sĂ€ĂŸen instabile Minderheitsregierungen an der Macht, "von denen viele grundlegende Prinzipien der Demokratie mit FĂŒĂŸen treten, um Opposition zu unterdrĂŒcken". Eine große Mehrheit der EuropĂ€er wĂŒnsche sich Frieden, doch dieser Wunsch spiegele sich kaum in der Politik wider.

Aus Sicht Washingtons erschwert das die Wiederherstellung von StabilitĂ€t auf dem Kontinent - einschließlich einer neuen "strategischen StabilitĂ€t mit Russland", die das Dokument ausdrĂŒcklich als Ziel nennt. Kritische Worte fĂŒr den Kreml als Aggressor im Krieg gegen die Ukraine enthĂ€lt der Text nicht.

"Patriotische Parteien" in Europa sollen gestÀrkt werden

Welche EU-LĂ€nder Trump beim Thema Ukraine und Meinungsfreiheit besonders im Visier hat, wird im Text nicht explizit gesagt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und seine Regierungskoalition dĂŒrften zu den Angesprochenen zĂ€hlen. Ihnen erklĂ€rt Trump indirekt den Kampf, indem er wissen lĂ€sst, dass sich sein Land fĂŒr "echte Demokratie" und "Meinungsfreiheit" einsetze und jene "patriotischen Parteien" stĂ€rken wolle, die Europas "Verlust an IdentitĂ€t" umkehren könnten.

Ziel der amerikanischen Politik mĂŒsse es sein, Europa "auf den richtigen Kurs" zurĂŒckzufĂŒhren. Als eng verbandelt mit der Trump-Regierung gelten der nationalistische ungarische Regierungschef Viktor Orban, aber auch die deutsche AfD.

Aus Deutschland und anderen europĂ€ischen Staaten kam an der neuen Strategie umgehend scharfe Kritik. Außenminister Johann Wadephul sagte zu den kritischen Äußerungen zur Meinungsfreiheit, er glaube "nicht, dass irgendjemand uns dazu RatschlĂ€ge geben muss". In Deutschland gebe es nicht nur die staatlichen Gewalten der Exekutive, der Legislative und der Jurisdiktion, "sondern zu Recht auch freie Medien". Auch die EU-Kommission von Ursula von der Leyen wies die VorwĂŒrfe gegen die EU zurĂŒck.

In BrĂŒsseler Nato-Kreisen sorgte eine Passage fĂŒr Beunruhigung, in der es heißt, die grundlegende US-Politik fĂŒr Europa solle darauf abzielen, "den Eindruck - und die RealitĂ€t - einer sich stĂ€ndig erweiternden Nato zu beenden". Dies wĂŒrde ein Ende des bisherigen Prinzips der "offenen TĂŒr" bedeuten. Das BĂŒndnis wollte diesen Punkt in der US-Strategie auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur zunĂ€chst nicht kommentieren.

Hauptfokus liegt auf Lateinamerika und Asien

Zugleich macht das Dokument unmissverstĂ€ndlich klar, dass der Hauptfokus der US-Sicherheitspolitik kĂŒnftig in der "westlichen HemisphĂ€re" liegen soll - gemeint sind die Migration aus Lateinamerika, der Kampf gegen angebliche "Terroristen" und Kartelle, die Drogen in die USA brĂ€chten, sowie auf der Durchsetzung amerikanischer Interessen in der Region. Bemerkenswert ist, welches Land in diesem Zusammenhang namentlich unerwĂ€hnt bleibt, obwohl Trump zuletzt die Temperatur rhetorisch aufdrehte: Venezuela.

Die meisten Seiten des Dokuments sind sonst Asien gewidmet. Die USA hĂ€tten China ĂŒber Jahrzehnte falsch eingeschĂ€tzt, heißt es. Das VerhĂ€ltnis mĂŒsse wirtschaftlich neu austariert und die militĂ€rische Abschreckung im Indo-Pazifik gestĂ€rkt werden, um einen möglichen Konflikt zu verhindern. Auch das gehört zu Trumps strategischem Ansatz: ein "weltweit fĂŒhrendes, tödlichstes und technologisch fortschrittlichstes" MilitĂ€r, das amerikanische Interessen ĂŒberall durchsetzen soll.

Naher Osten spielt eine Nebenrolle

Der Nahe Osten spielt in der neuen Strategie dagegen nur eine Nebenrolle - entsprechend knapp fĂ€llt das Kapitel zur Region aus. Die Gegend habe ihren frĂŒheren strategischen Stellenwert verloren, vor allem weil die USA wieder mehr eigene Energie produzierten, und viele Konflikte dort aus amerikanischer Sicht weniger unmittelbare Gefahren fĂŒr die USA mit sich brĂ€chten.

Noch knapper hĂ€lt sich das Dokument zu Afrika: Nicht einmal eine ganze Seite widmet die Trump-Regierung dem Kontinent. Washington kritisiert, die US-Politik habe dort zu lange auf Entwicklungshilfe und den Export liberaler Werte gesetzt. KĂŒnftig solle die Zusammenarbeit auf Handel und den Zugang zu afrikanischen Rohstoffen zielen - und auf Partnerschaften mit jenen Staaten, die ihre MĂ€rkte fĂŒr US-Unternehmen öffnen.

Argumentationslinien wie in rechten Kreisen

Unterm Strich geht es um Abschreckung nach außen, die rigorose Durchsetzung amerikanischer Wirtschaftsinteressen und um ein klar umrissenes Bild davon, wer dazugehört und wer nicht.

Dabei schlĂ€gt das Dokument einen Ton an, der koloniale Denkweisen des 19. Jahrhunderts wiederbelebt. Das zeigt sich nicht nur in der Afrika-Passage, sondern auch in Formulierungen zu Europa - die Trump-Regierung bedient sich Argumentationslinien, wie sie in rechten Kreisen verbreitet sind: Die grĂ¶ĂŸten Gefahren seien Migration, sinkende Geburtenraten und ein vermeintlicher "Verlust nationaler IdentitĂ€t".

Zwischen den Zeilen wird so eine rassistisch anmutende Vorstellung von Zugehörigkeit in staatliche Strategie gegossen, fĂŒr Europa wie fĂŒr die USA selbst. Vielfalt soll keine Rolle spielen, die "westliche IdentitĂ€t" und gesellschaftliche Einheit dagegen gelten als StĂ€rke. Die beschworene "goldene Zukunft" der USA beruht auf "traditionellen Familien" und der Ehrung "vergangener Errungenschaften und Helden". Eine kritische Aufarbeitung der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte - etwa die Sklaverei - gehört zu diesem SelbstverstĂ€ndnis nicht dazu.

@ dpa.de