Inobhutnahmen wieder stark gestiegen
26.06.2023 - 08:40:23Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Montag mitteilte, nahmen die JugendĂ€mter in Deutschland im vergangenen Jahr ĂŒber 66.400 Kinder und Jugendliche zu ihrem Schutz vorĂŒbergehend in Obhut. Das waren im Vergleich zum Vorjahr rund 18.900 FĂ€lle oder 40 Prozent mehr.
Bereits 2021 war die Zahl der Inobhutnahmen um 2.100 FĂ€lle beziehungsweise fĂŒnf Prozent gestiegen. Hauptgrund fĂŒr den Anstieg war in beiden Jahren ein wachsendes Aufkommen an unbegleitet eingereisten MinderjĂ€hrigen aus dem Ausland: WĂ€hrend jedoch die Zahl der Inobhutnahmen aus diesem Grund im Jahr 2021 lediglich um 3.700 FĂ€lle zugenommen hatte (+49 Prozent), stieg sie im Jahr 2022 um 17.300 FĂ€lle (+153 Prozent). Schon im Zuge der Fluchtmigration ab 2015 waren die Fallzahlen durch das Aufkommen an unbegleitet eingereisten MinderjĂ€hrigen stark gestiegen: Damals wurde der Höchststand im Jahr 2016 mit rund 84.200 Inobhutnahmen erreicht, darunter waren rund 44.900 FĂ€lle nach unbegleiteten Einreisen. Als Reaktion darauf fĂŒhrte der Gesetzgeber ein neues Verfahren ein, wonach die Betroffenen unmittelbar nach der Einreise zunĂ€chst vorlĂ€ufig in Obhut genommen werden, um sie anschlieĂend auf alle JugendĂ€mter im Bundesgebiet zur regulĂ€ren Inobhutnahme zu verteilen. Obwohl ab 2017 beide Verfahren in der Statistik zĂ€hlen - sowohl vorlĂ€ufige als auch regulĂ€re Inobhutnahmen nach unbegleiteter Einreise - waren die Fallzahlen seitdem zunĂ€chst gesunken, erst 2021 setzte ein erneuter Anstieg ein, der nun im Jahr 2022 zu 28.600 Inobhutnahmen nach unbegleiteter Einreise fĂŒhrte. Davon waren 19.100 vorlĂ€ufige und 9.500 regulĂ€re Inobhutnahmen. Angaben zu den HerkunftslĂ€ndern der unbegleitet eingereisten MinderjĂ€hrigen liegen der Kinder- und Jugendhilfestatistik nicht vor, aus dem aktuellen "Bericht der Bundesregierung ĂŒber die Situation unbegleiteter auslĂ€ndischer MinderjĂ€hriger in Deutschland" geht allerdings hervor, dass die meisten unbegleitet eingereisten MinderjĂ€hrigen in den Jahren 2021 und 2022 aus Afghanistan und Syrien kamen. Die Ukraine spielte demnach im Jahr 2022 als Herkunftsland offenbar eine eher untergeordnete Rolle. Zum aktuellen Anstieg haben aber noch weitere Entwicklungen beigetragen: Nach einem RĂŒckgang in den Corona-Jahren 2020 und 2021 nahmen 2022 auch erstmals wieder die Inobhutnahmen wegen dringender KindeswohlgefĂ€hrdung zu - und zwar um 1.300 FĂ€lle oder fĂŒnf Prozent, so die Statistiker. AuĂerdem wandten sich 2022 wieder mehr Kinder und Jugendliche selbst mit der Bitte um eine Inobhutnahme an das Jugendamt (+300 FĂ€lle bzw. +vier Prozent). Insgesamt haben die JugendĂ€mter damit 2022 die meisten Inobhutnahmen - nĂ€mlich rund 29.800 FĂ€lle - wegen dringender KindeswohlgefĂ€hrdungen durchgefĂŒhrt. In 28.600 FĂ€llen handelte es sich um Inobhutnahmen nach unbegleiteten Einreisen und in 8.000 FĂ€llen hatten die betroffenen MinderjĂ€hrigen selbst um Inobhutnahme gebeten. Infolge der Entwicklungen wurde die unbegleitete Einreise im Jahr 2022 auch bei den insgesamt 13 möglichen AnlĂ€ssen fĂŒr eine Inobhutnahme mit Abstand am hĂ€ufigsten genannt (43 Prozent). Die Ăberforderung der Eltern - im Vorjahr noch an erster Stelle der möglichen AnlĂ€sse - rĂŒckte dadurch 2022 auf Rang 2 (26 Prozent). Dahinter folgten Anzeichen fĂŒr VernachlĂ€ssigungen (11 Prozent) und körperliche Misshandlungen (10 Prozent). Dabei waren die betroffenen Jungen oder MĂ€dchen vor der Inobhutnahme in knapp jedem fĂŒnften Fall (18 Prozent) von zu Hause ausgerissen. Die meisten betroffenen Jungen oder MĂ€dchen wurden vor der Inobhutnahme von beiden Eltern gemeinsam (25 Prozent), einem alleinerziehenden Elternteil (17 Prozent) oder in einem Heim betreut (12 Prozent), so das Bundesamt weiter. Bei etwa einem FĂŒnftel (21 Prozent) war der vorherige Aufenthalt unbekannt, das trifft insbesondere auf unbegleitet Eingereiste zu. Fast jede zweite Inobhutnahme (48 Prozent) konnte nach spĂ€testens zwei Wochen, jede dritte (33 Prozent) nach einer Woche beendet werden. Dennoch: Gut jede zehnte Inobhutnahme dauerte mit drei Monaten oder mehr vergleichsweise lang (11 Prozent). Nach Beendigung der MaĂnahme kehrte ĂŒber ein Drittel der Kinder und Jugendlichen (37 Prozent) an den bisherigen Lebensmittelpunkt - zu den Sorgeberechtigten, in die Pflegefamilie oder das Heim - zurĂŒck. Gut ein weiteres Drittel (36 Prozent) bekam ein neues Zuhause in einer Pflegefamilie, einem Heim oder einer betreuten Wohnform. Bei insgesamt zehn der 13 möglichen AnlĂ€sse fĂŒr eine Inobhutnahme sind die Fallzahlen 2022 gestiegen: Abgesehen von der unbegleiteten Einreise waren die stĂ€rksten Anstiege bei Anzeichen fĂŒr VernachlĂ€ssigungen (+928 Nennungen, +14 Prozent), körperlichen Misshandlungen (+592 Nennungen, +10 Prozent)und Delinquenz oder Straftaten der MinderjĂ€hrigen (+517 Nennungen, +17 Prozent) zu verzeichnen.
dts Deutsche Textservice Nachrichtenagentur GmbH


