Krankschreibung: Kabinett schafft telefonische AU ab, Nachweis ab Tag eins
04.07.2026 - 17:43:06 | boerse-global.de
Die Bundesregierung schafft die telefonische Krankschreibung ab und fĂŒhrt eine generelle Nachweispflicht fĂŒr ArbeitsunfĂ€higkeit ab Tag eins ein. Das beschloss der Koalitionsausschuss am 2. Juli 2026.
RĂŒckkehr zu den Vor-Pandemie-Regeln
Bundeskanzler Merz begrĂŒndete den Schritt mit der hohen Zahl an Krankheitstagen in Deutschland. Er sprach von einem erheblichen Wettbewerbsnachteil. Ziel sei eine RĂŒckkehr zu den Regeln, die vor der Pandemie galten.
UnterstĂŒtzung kommt von Bundesgesundheitsministerin Warken. Sie setzt dabei verstĂ€rkt auf digitale Lösungen. Unionsfraktionschef Spahn verwies auf einen Durchschnitt von 18 Krankheitstagen pro Jahr.
Neue Regelungen im Detail
Die Koalition plant zusĂ€tzlich die EinfĂŒhrung von Teilkrankschreibungen. Diese sollen in Abstufungen von 25, 50 und 75 Prozent der Arbeitsleistung möglich sein. Auch die Strafen fĂŒr unrichtige AU-Bescheinigungen sollen verschĂ€rft werden.
Ărzte warnen vor Praxis-Chaos
Die KassenÀrztliche Bundesvereinigung (KBV) schlÀgt Alarm. KBV-Chef Gassen bezeichnete das Vorhaben als organisatorisch kaum bewÀltigbar. Er prognostiziert bis zu 30 Millionen zusÀtzliche Arztbesuche pro Jahr.
Auch die BundesĂ€rztekammer Ă€uĂerte Unmut. DAK-Chef Storm warnte vor einer ĂberfĂŒllung der Hausarztpraxen. Nach DAK-Daten lag die Zahl der Fehltage 2025 bei durchschnittlich 19,5 Tagen.
Doch wie groĂ ist das Problem wirklich? Laut Erhebungen des Zentralinstituts fĂŒr die kassenĂ€rztliche Versorgung und der Barmer machte die telefonische Krankschreibung zwischen 2020 und 2023 nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller AU-Bescheinigungen aus. Ein signifikanter Missbrauch lasse sich daraus nicht ableiten, so Branchenexperten.
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Widerstand in der SPD
Innerhalb der SPD-FĂŒhrung regt sich nach dem Beschluss Widerstand. SPD-Chef Klingbeil und BundestagsprĂ€sidentin Bas relativierten die Einigung am 3. Juli 2026. Klingbeil betonte: Niemand dĂŒrfe gezwungen sein, trotz Krankheit sofort eine Arztpraxis aufzusuchen.
SPD-GeneralsekretĂ€r KlĂŒssendorf bezeichnete den Kompromiss als das kleinere Ăbel. Zur Diskussion standen auch Karenztage, bei denen Arbeitnehmer im Krankheitsfall zunĂ€chst keine Lohnfortzahlung erhalten hĂ€tten.
Zweifel an der Wirksamkeit
Ăkonomen des DIW Ă€uĂerten eine ĂŒberraschende BefĂŒrchtung: Die Attestpflicht ab Tag eins könnte die Fehlzeiten sogar erhöhen. Der Grund: Arztbesuche fĂŒhren hĂ€ufig zu lĂ€ngeren Krankschreibungen als kurze, eigenverantwortliche Genesungsphasen.
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Zudem weisen Experten darauf hin, dass der Anstieg der gemeldeten Krankheitstage seit 2022 zu 40 bis 60 Prozent auf die elektronische ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung (eAU) zurĂŒckgeht. Die macht die statistische Erfassung erst lĂŒckenlos.
Deutschland im internationalen Vergleich
Laut EU-ArbeitskrĂ€ftebefragung liegt die krankheitsbedingte Abwesenheit in Deutschland bei etwa 3,6 Wochen pro Jahr. Damit liegt die Bundesrepublik im oberen Drittel. Die Kosten fĂŒr die Lohnfortzahlung belasten Arbeitgeber mit geschĂ€tzt 82 bis 85 Milliarden Euro jĂ€hrlich.
Doch der DGB und Gesundheitsexperte Pantazis warnen vor den Folgen von PrĂ€sentismus. Ihre Sorge: BeschĂ€ftigte kommen aus Angst vor dem bĂŒrokratischen Aufwand krank zur Arbeit â und verschleppen ihre Erkrankung.
